Vom 19. bis 23. Januar fand in Jaipur, der Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan, das größte Literaturfestival seiner Art statt: das ZEE Jaipur Literature Festival. Dieses Jahr zog es sage und schreibe eine halbe Million Besucher an (zum Vergleich: 278.000 auf der Frankfurter Buchmesse 2016) und nennt sich nicht zu unrecht selbst das „Woodstock der Weltliteratur“. Seit seinen bescheidenen Anfängen vor 10 Jahren, als etwa 20 Gäste zur ersten Ausgabe erschienen, ist das kostenlose Festival zu einem Mega-Event geworden, das alljährlich weltberühmte Autoren und Persönlichkeiten wie etwa den Dalai Lama, Oprah Winfrey, Ian McEwan, Richard Ford,  Stephen Fry und Salman Rushdie anzieht.

Rushdie und sein Buch „Die satanischen Verse“ waren es auch, die zu einem der zahlreichen Skandale führten, für die das Festival im Laufe der Jahre ebenfalls bekannt geworden ist. Dieses höchst kontroverse Buch brachte 1989 den iranischen Führer Ayatollah Khomeini dazu, Rushdie der Gotteslästerung anzuklagen und Muslime zu seiner Ermordung aufzurufen. 2012 wurde der Autor selbst zwar an der Anreise gehindert, es wurden jedoch von anderen Autoren trotzdem Ausschnitte aus „Die satanischen Verse“ vorgelesen.

Auch diese Ausgabe des Literaturfestivals war voll von politisch hochbrisanten Diskussionen und Skandalen. So sprach sich die aus Bangladesh stammende und im Exil lebende Autorin Taslima Nasrin gegen islamischen Fundamentalismus aus, und natürlich wurde auch über den während des Festivals vereidigten Präsidenten der Vereinigten Staaten gesprochen: die beiden Amerikaner Alex Ross und Paul Beatty nahmen in Hinsicht auf Trump kein Blatt vor den Mund.

Weitere Themen waren Frauenrechte in Indien und weltweit, außerdem wurde Kritik an Chinas und Nordkoreas Politik geübt. Hierzu sprach Hyeonseo Lee, deren TED Talk über ihre Flucht aus Nordkorea über 3,5 Millionen mal bei YouTube aufgerufen wurde.

Das Jaipur Literature Festival ist stolz darauf, Rednern aller politischer Richtungen eine Plattform zu bieten. So wurde dieses Jahr auch die Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) eingeladen, eine hindu-nationalistische Gruppierung, die bereits als extremistische oder gar paramilitärische Gruppe bezeichnet wurde. Dies rechtfertigt William Dalrymple, einer der Veranstalter des Festivals: „Es fällt uns schwer, rechte Autoren hierher einzuladen, aber wir denken, dass es richtig ist wenn sie auch hier sind. Zwei unserer Autoren haben wegen der Einladung an die RSS nicht teilgenommen, was ich verstehe und womit ich sympathisiere, aber ich denke, der springende Punkt der Meinungsfreiheit ist es, sich mit Stimmen zu befassen, mit denen du nicht übereinstimmst. Wir sind nicht nur Liberale, die ihre eigenen Ansichten tolerieren.“

Zusammen mit der Tatsache, dass das Festival kostenlos ist, und dem beeindruckenden Aufgebot an hochkarätigen Gästen ist auch dieser Ansatz ein Grund für den enormen Erfolg des Festivals. Das Konzept hat inzwischen überall in Indien zahlreiche Nachahmer gefunden, das „Woodstock der Weltliteratur“ hat also bereits nachhaltige Auswirkungen auf die gesellschaftliche und kulturelle Landschaft Indiens genommen.