Einer der eher seltenen Fahrradfahrer in Mumbai, Donny Iama veröffentlichte letzte Woche ein Video auf YouTube in dem er zeigt, wie gefährlich es als Radfahrer auf den Straßen Mumbais ist. Um dies zu präsentieren, fährt er einmal die Strecke von seiner Arbeit zurück nach Hause.

Er selbst sagt, um in Indien Fahrrad zu fahren, braucht man zwei Dinge: Gute Bremsen und viel Glück. Indien unterscheidet sich sehr von anderen Orten in der Welt: Fahrrad fahren wird als Transportmittel für die Armen gesehen und die meisten Menschen versuchen es zu vermeiden. Fahrrad fahren ist ein schwierige Art von A nach B zu kommen in Städten wie Mumbai. Viele Autos und Busse, die die Straßen füllen, Rollerfahrer, die sich dazwischen ihren Weg bahnen, Fußgänger die kreuz und quer laufen, und natürlich keine Fahrradwege. Regeln werden missachtet und laut Iama nutzt kaum jemand den gesunden Menschenverstand – „Alle gehen wohin sie wollen, alle fahren wohin sie wollen. Da die meisten Menschen an die Wiedergeburt glauben, wir machen uns keine Sorgen darüber zu sterben, während wir die Straße überqueren.“

Iama meint, Indien sei ein Mysterium, genauso wie sein Verkehr. Manchmal würde es einfach mehr Sinn ergeben, eine Straße zu einer Einbahnstraße zu machen, beispielsweise um Wege kürzer zu machen.

In  seinem Video sieht man, wie er sich durch enge Wege zwischen Straßenrand und Auto quält, gezwungenermaßen die Spur wechseln muss, ausgebremst wird durch Roller- oder Autofahrer und ständig sein Tempo verringern oder beschleunigen muss. Nach durchdachter Verkehrsstruktur sieht das nicht aus. Überall versteckte, dreckige Kleinstraßen und überfüllte, laute Hauptstraßen. Iama sagt, es sei zudem überraschend, dass Bäume einfach mitten auf den Straßen wachsen – und noch überraschender sei, dass noch nie jemand in diese Bäume reingefahren ist, zumindest noch nicht.

Obwohl Mumbai die Finanzhauptstadt in Indien ist, gehören die Straßen zu den schlimmsten. Es ist die sechstgrößte Metropole in der Welt mit rund 20 Millionen Einwohnern.

 

Martin Wright, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Forum for the Future, welcher zuvor ein Radfahr-Pendler in London war, erzählt auch von seiner Erfahrungen als Fahrradfahrer in Mumbai. Er vergleicht die chaotische und beängstigende Verkehrslage auf den Straßen eher als „Ballett“, in dem jeder Fahrer geschickt seinen Teil spielt. Ihm sei anfangs gesagt worden, niemand fahre mit dem Rad zur Arbeit, man müsse verrückt sein. Die Busfahrer würden einen nicht sehen, die LKW-Fahrer würden einen nicht sehen, sie würden einen umbringen.

Seine erste Erfahrung machte er um sechs Uhr morgens mit einem geliehenen Rad: es war sehr früh, zu früh für die Rush Hour in Mumbai, die erst um halb zehn beginnt. Das sei kein Problem gewesen, Fahrer in Mumbai seien sehr vorausschauend was das, was du machst, betrifft und würden eifrig versuchen, nicht in irgendwas rein zu fahren.

Trotzdem sei er die einzige Person in seinem Block, in dem über 700 Arbeiter leben, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Irgendwann schlossen sich ihm seine Radkolleginnen Anna Warrington und Sarah Tulej an. „Manchmal fühlt es sich so an, als seien wir die einzigen Menschen in Mumbai, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Aber irgendwie fühlt sich diese Erfahrung sicherer an als Radfahren in London. Die Fahrer sind nicht so feindlich.“ Er empfindet die indischen Fahrer als weniger wütend und aggressiv, so dass es seltener zu Konfrontationen kommt als in London. Er erklärt, dass Menschen ihn nicht anhupen würden, weil sie sauer seien, sondern um zu kommunizieren, wo sie gerade sind und wo sie hin wollen.

Eine weitere Erfahrung auf den Straßen Mumbais machte die Anwältin Firoza Suresh. Sie lernte mit acht Jahren Fahrrad fahren, um Erledigungen für ihre Mutter zu machen. Damals lieh sie sich täglich ein Rad für eine halbe Stunde aus, weil ihr Vater nicht das Geld hatte, ihr ein eigenes zu kaufen. 2010 entdeckte sie das Radfahren wieder für sich und gründete 2014 das SmartCommute and Cycle2Work Projekt, und organisierte einen Fahrradfahr Flash Mob an dem Bandra Bahnhof.

Für sie ist Radfahren ein spannender Weg um sich in der Stadt zu bewegen. Sie selbst hat schon ein paar Narben durch das Fahrradfahren erhalten, hatte aber noch keine großen Unfälle. Suresh besitzt sogar ein Auto, nutzt es aber kaum. Sie sagt, man müsse zu 100% konzentriert und auf alles, was um einen herum passiert, gefasst sein, aber sie liebe es.

Ihr Weg zur Arbeit würde mit ihrem Auto oder Taxi zur Rush Hour um die zwei Stunden dauern, die Fahrt mit einem überfüllten Zug würde eine Stunde und 15 Minuten dauern, der Weg mit dem Fahrrad dauere gerademal 35 Minuten.

Sie glaubt, dass die kaputten Straßenoberflächen der Hauptgrund dafür sind, dass so wenig Menschen in Mumbai das Fahrrad zur Arbeit nehmen: Schlaglöcher und fehlendes Straßenpflaster sind eine konstante Gefahr. Die Hitze zusammen mit mangelnden Duschmöglichkeiten in den Büros bedeutet außerdem eine schwitzige Angelegenheit bei der Arbeit. Und es mangelt an „Parkmöglichkeiten“ für Räder, welche meistens auf der Straße abgestellt werden müssen.

Suresh vermutet, dass internationale Marken wie Trek Menschen davon überzeugen können, dass Radfahren nicht nur ein Transportmittel für Arme sei. Schließlich kann Fahrrad fahren auch was ganz erholsames sein: Suresh erzählt, dass immer mehr Radfahrer morgens an den Wochenenden an der Strandpromenade entlang fahren, und genauso diese Menschen würden anfangen darüber nachzudenken, ihre Räder auch unter der Woche zu nutzen. Manche fangen vielleicht an, einmal wöchtentlich mit dem Rad zur Arbeit zu pendeln.

Auch Sammy Beri, Eigentümer der Bharat Cycle Company in Kalbadevi, ist der Meinung, dass das Fahrradfahren in Indien im Kommen ist. Sein Großvater startete in den 1920ern den Einzelhandel, mittlerweile verkauft Beri monatlich hunderte von Fahrrädern und die Anzahl der Verkäufe steigen jährlich um 10-15% an. Heutzutage könne man auch in Indien für jede Gehaltsklasse ein Fahrrad bekommen, ein teures Rad könne sogar ein Statussymbol sein.