By IM3847 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Auroville ist ein kleines Dorf mitten im indischen Dschungel: ein Ort in dem rund 3000 Einwohner aus über 50 Nationen zusammen leben. Die meisten sind Inder, aber auch viele Deutsche, Franzosen und Italiener. Damals war der Ort noch umgeben von trockener, harter Roterde, wo die ersten Bewohner Bäume und Sträucher pflanzten. Heute ziehen subtropisches Klima und die grüne Natur die Menschen in die Gegend.

Die Idee hinter diesem Dorf hatte der indische Zukunftsphilosoph Sri Aurobindo: ein Ort ohne Bürgermeister oder Polizei, an dem die spirituellen Bedürfnisse und die Sorge um geistigen Fortschritt wichtiger sein sollten, als die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse und Leidenschaften. Ein Ort, an dem wichtige

Von Henri Cartier Bresson [CC0] via Wikipedia

Entscheidungen in Einwohnerversammlungen getroffen und alles andere in Gremien und Arbeitsgruppen besprochen wird. Jeder kann dort seine Meinung äußern. Über drei Jahrzehnte entwickelte die Französin Mirra Alfassa gemeinsam mit Sri Aurobindo das Modell einer Stadt, in der eine friedliche Weltgemeinschaft abseits politischer, nationaler und religiöser Beeinflussung existieren sollte. Nach seinem Tod gründete seine langjährige Vertraute Alfassa 1968 das Dorf nach seinen Schriften. Alfassa wird „die Mutter“ genannt, man findet Portraits von ihr überall in Auroville, sie starb 5 Jahre nach Gründung von Auroville im Alter von 95 Jahren. Ihr Abbild dient heute der Gemeinschaft als Besinnungshilfe.

By Aleksandr Zykov [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)] via flickr

Auroville ist eigentlich keine Stadt in dem Sinne, wie wir sie kennen. Es ist ein System aus Sandstraßen und über hundert Siedlungen, viele vom Wald gut verborgen und mit eigenwilligen Namen wie „Hoffnung“ oder „Gewissheit“ .

Jeder Bewohner muss jede Woche ein paar Stunden gemeinnützige Arbeit leisten: beispielsweise Gehwege restaurieren, Yoga-Stunden geben oder in der Gemeinschaftsküche helfen. Daneben hat jeder noch seine eigene Berufung wie Kunsthandwerker, Architekten oder Maschinenbauer. Es gibt ein Grundeinkommen, aber das reicht bei weitem nicht aus um zu überleben, so dass man auf zusätzliche Tätigkeiten oder Erspartem angewiesen ist. Vor allem die einmaligen Kosten für das Wohnrecht in Auroville sind recht hoch.

In Auroville geht auch niemand in Pension, man reduziert vielleicht seine körperlichen Aktivitäten, aber man bleibt aktiv. So bleiben die Menschen sowohl mental als auch körperlich fitter. Sie sind weiter in der Gesellschaft eingebunden und nehmen Anteil. Egal wie alt man ist, man bleibt gleich wichtig in der Gesellschaft.

By Matthew Ragan [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)] via flickr

Neben der Arbeit ist aber auch Sport ein wichtiger Bestandteil der Aurovillianer: von Yogakursen bis Basketball werden unzählige Kurse angeboten. Aber auch das Kulturangebot ist breit, es gibt Chöre, Theatergruppen, ein Kino. Viele Leute meditieren, sind spirituell. Es gibt keine Vorschriften wer wie zu leben hat, jeder darf hier frei über sein Leben entscheiden.

 

By Abhijit Shylanath [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)] via flickr

Der Kölner Fotograf David Klammer reiste vor 15 Jahren zum ersten Mal nach Auroville und kehrte vor lauter Begeisterung 2016 für seinen Bildband „Good Morning Auroville: Die utopische Stadt der Morgendämmerung“ zurück. Er erklärt, dass Jungen und Mädchen wie bei uns auch Kindergärten besuchen, zur Schule gehen und international anerkannte Abschlüsse machen können. Laut Klammer gehen viele nach dem Abitur ins Ausland, häufig kehren sie aber wieder zurück, weil sie zu sehr an die Freiheiten des Ortes gewöhnt seien.

Der Ort finanziert sich aus verschiedenen Mitteln wie Steuern, die die Unternehmen der Gemeinde zahlen, aus Spenden von Organisationen, Förderern, Touristen und Einwohnern. Rund 2000 Menschen kommen täglich, um die spezielle Atmosphäre zu erleben, Yoga zu machen, zu shoppen, sich ehrenamtlich für den Ort zu engagieren.

By Bête spatio-temporelle – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61704854

Die Aurovillianer beschäftigen sich auch damit, wie sie alternative Energien für sich nutzen können und entwickeln eigene Ideen für ein nachhaltiges Leben. Dort zu leben, setzt von allen Bewohnern ein starkes ökologisches Bewusstsein voraus. Es gibt einen riesigen Solarspiegel, der Energie direkt aus Sonnenenergie umwandelt – ein Patent Aurovilles, welcher nun weltweit verbreitet wird.

Auroville versorgt sich überwiegend selbst. Wasser ist eine sehr wertvolle Angelegenheit: es wird Grundwasser aus dem Boden gepumpt, welches durch Regenwasser nachgefüllt werden muss. Das heißt, wenn es nicht genug regnet, gibt es zu wenig Wasser. Die Siedlungen um Aurovilles Zentrum herum nennt man den „green belt“, also den grünen Gürtel, wo die Menschen darauf angewiesen sind, Wasser für ihre Pflanzen zu nutzen, um diese Gebiete auch grün zu halten und den Großteil der Stadt mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

By InOutPeaceProject [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)] via flickr

„Wenn du herkommst, weil du unzufrieden bist, dann wirst du eine schwere Zeit haben. Aber wenn du hier herkommst, weil du zufrieden bist, aber trotzdem gern die Dinge etwas anders hättest, dann wird es funktionieren.“, erklärt Martin, der schon seit 7 Jahren in Auroville wohnt. Neuankömmlinge können in einer halbjährigen Phase testen, ob es wirklich was für sie ist, zuhause alles aufzugeben und dort zu leben.

By mariel drego [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)] via flickr

Chandra, eine Jugendliche aus Deutschland erzählt, dass ihr Opa vor langer Zeit nach Auroville kam und auch ihr Vater im Alter von 8-14 mit ihm dort gelebt hatte. Ihr Vater kam irgendwann wieder zurück nach Deutschland, ihm war aber klar, dass er auch irgendwann wieder nach Auroville zurückkehren wollte. So hatte ihre Familie dann entschieden, umzuziehen. Chandra war anfangs total dagegen, schließlich hatte sie ein glückliches Leben mit allen ihren Freunden zuhause – „Wer will denn nach Indien?“. Sie sagt aber auch, dass die Reise von Deutschland nach Indien sie geöffnet habe. Sie kam an, „es war wunderschön“, und die Reise habe ihr beigebracht, dass man neue Orte kennenlernen und erforschen sollte.

Die Schüler in Chandras jetztiger Schule kommen aus 20 verschiedenen Nationen, die meisten von ihnen sprechen mindestens vier Sprachen. Kunst hat den gleichen Stellenwert wie Mathematik. Das Essen ist rein indisch und kostenlos für alle Schüler. Chandra erzählt, dass es jede Woche dasselbe Essen gibt, seit etlichen Jahren.

Im Zentrum von Auroville befindet sich das Matrimandir, „die Seele von Auroville“, von einer großzügigen Parkanlage umgeben. Das Matrimandir ist eine mächtigen, sphärisch abgeflachten Kugel, in dessen Inneren sich die zentrale Meditations- und Kontemplationshalle mit etwa 24 Metern Durchmesser liegt.