Ein kleiner indischer Junge verliert im Alter von fünf Jahren seine Familie und findet sie nach einem Vierteljahrhundert wieder – mit Hilfe von Google Maps. Klingt unglaublich? Tatsächlich ist es eine wahre Geschichte, die dem sechsfach oscarnominierten Drama LION zugrundeliegt: die von Saroo Brierley, der sie in seinem Bestseller „Mein langer Weg nach Hause“ erzählte. Das Langfilm-Regiedebüt von Garth Davis wartet mit Starbesetzung auf. Der erwachsene Saroo wird von Dev Patel gespielt, auch Nicole Kidman und Rooney Mara haben größere Rollen. Doch die eigentliche Sensation des Films ist der achtjährige Newcomer Sunny Pawar, der Saroo als kleinen Jungen verkörpert. Ihm gehört die fast dokumentarisch anmutende erste Stunde des Films, der klugerweise chronologisch erzählt wird.

Die Geschichte beginnt 1986 in Khandwa in Mittelindien. Der für den Oscar nominierte Kameramann Greig Fraser lässt den Zuschauer das von Armut, aber auch starkem familiären Zusammenhalt geprägte Leben des pfiffigen Saroo auf Augenhöhe miterleben. Gemeinsam mit seinem heißgeliebten älteren Bruder Guddu (Abhishek Bharate) versucht er bereits nach allen Kräften seine Mutter zu unterstützen. Eines nachts überredet er Guddu, ihn mit zur Nachtarbeit zu nehmen. Leider wird der kleine Junge plötzlich müde und steigt in einen leeren Zug, um ein wenig zu schlafen, während sein Bruder unterwegs ist.

Als Saroo erwacht muss er feststellen, dass er ohne Zwischenstopp in das 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta unterwegs ist. Als Zuschauer fühlt man sich dank der einfühlsamen Inszenierung fast genauso verloren wie der rehäugige Junge. Ohne sich noch richtig an den Namen seines Heimatstädtchens zu erinnern oder ein Wort der dortigen Landessprache Bengali zu sprechen, wird er plötzlich von dieser überfüllten Millionenstadt verschluckt. Dank seines untrüglichen Selbsterhaltungstriebs entgeht er jedoch Missbrauch und Kinderfängern und landet in einem Waisenhaus.

Saroo hat Glück im Unglück, er wird von dem warmherzigen australischen Ehepaar Sue (Nicole Kidman) und John (David Wenham) adoptiert. Es ist vor allem der großartigen Performance Nicole Kidmans zu verdanken, dass sich der Zuschauer in der zweiten Hälfte des Dramas durch diesen typischen-Hollywood-Stoff nicht zu sehr manipuliert fühlt. Wenngleich Kidmans 80er-Jahre-Frisur einem gelegentlich ein unpassendes Schmunzeln auf die Lippen zaubert.

Der zu einem löwenmähnigen jungen Mann herangewachsene Saroo (Dev Patel) beginnt schließlich in Melbourne Hotelmanagement zu studieren. Dort verliebt er sich in seine Kommilitonin Lucy (Rooney Mara). Als Lucys Familie zum Essen die indische Süßspeise Jalebi auftischt, jene frittierten indischen Teigspiralen, die Guddu und er sich in seiner Kindheit nie leisten konnten, bricht die Erinnerung plötzlich wieder auf.

Fortan ist Saroo besessen davon, mittels Google Earth seine Familie wiederzufinden. Seine Liebe zu Lucy zerbricht daran, und auch seine innige Beziehung zu seiner Adoptivmutter bekommt empfindliche Risse. Ist er hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, seine Familie wiederzufinden, und dem Wunsch, seine wundervolle Adoptivmutter nicht zu verletzen.

Die Geschichte des erwachsenen Saroo fällt im Vergleich zu ersten Teil ab, unter anderem, weil Dev Patel seinen Saroo leider nicht so natürlich zu verkörpern weiß wie sein blutjunger Kollege. Dessen Charisma in Kombination mit dem tragischen Soundtrack lässt den Zuschauer die komplette Dauer ds Films mit einem Kloß im Hals zurück. Auch deshalb steht LION nicht nur verdient in der Sparte „Musik“, sondern auf der in diesem Jahr hochkarätigen Liste für den „Besten Film“ bei den Oscarverleihungen am 26.02.2017. Gut gespielt, junger Löwe!